Montag, 8. Juni 2009

Blaues Eis und grünes Wasser



Jaja, jetzt sind es nur noch drei Wochen, und dann bin ich wieder auf dem Weg nach Hause. Nach und nach verabschieden sich alle hier und man wird schon ein wenig wehmütig, aber es ist auch eine Menge toller Sachen in den letzten beiden Wochen passiert! Zunächst war ich am 29.5 auf den Geburtstag meiner Tante eingeladen. Habe dafür am Morgen einen großen Strauß Blumen gekauft – die Verkäuferin hatte mir Lilien empfohlen, worüber meine Mutter nur lachte, als sie später angerufen hat. Aber meine Tante hat sich dennoch darüber gefreut. Dazu habe ich dann noch meinen Rotweinkuchen gebacken, den ich jetzt schon monatelang nicht mehr zubereitet hatte. Vollgepackt habe ich mich dann auf den Weg nach Lambertseter gemacht. Dort angekommen erwartete mich ein großes Festzelt im Garten meiner Tante und es waren auch schon eine Reihe Gäste eingetroffen. Von meiner Tante Elisabeth aus Deutschland über alte Kommune-Mitglieder meines Onkels bis hin zu Nachbarn, mit denen ich mich angeregt über Psychiatrie unterhalten habe. Generell war die Sprachverwirrung doch sehr groß, da man nie wusste, auf welcher Sprache man jemanden ansprechen sollte. Dies zog sich auch durch den ganzen Abend, als meine Tante zu Tisch bat und alle Gäste einzeln vorstellte – sie sprach norwegisch, mein Onkel übersetzte ins Deutsche und ein anderer Gast ins Englische! Der Abend gestaltete sich sehr lustig, mit jeder Menge gutem Essen, witzigen Einlagen der Gäste für das Geburtstagskind (mein Favorit war die Flugsicherheits-Einweisung, die meine Tante nachstellen musste, mit dem Unterschied, dass sie die Rettungsweste wirklich auslösen musste) und zum Abschluss dann wildes Tanzen im ausgeräumten Wohnzimmer. Da die letzte Bahn schon gefahren war, hat sich eine nette norwegische Familie dazu bereit erklärt, mich bis nach Hause zu fahren – was für ein Service! Am Sonntag habe ich dann die Bücher in die Ecke verbannt und habe den Tag mit Markus und seinem Besuch Cordi verbracht. Für Markus hieß es am Dienstag nämlich schon Abschied nehmen von Norwegen. Aber bevor es so weit war, haben wir zu dritt am heißesten Tag in diesem Jahr nochmal eine kleine Tour durch Oslo gemacht, haben uns in den Vigelands-Park gesetzt, haben Aker brygge unsicher gemacht und uns bei der Festung in den Schatten gesetzt (hatte eh schon Sonnenbrand von der unerbittlichen Sonne). Am Abend sind wir dann noch zusammen mit Rosie und Charlotte ins Blå gegangen und haben dort Markus´ letzten Abend in Oslo mit überraschend gutem Bier und Jazz-Musik verbracht. Nachdem wir die beiden wieder in den Zug nach Ås gesetzt hatten, mussten wir leider nach Sogn laufen, weil wir unsere letzte Bahn verpasst hatten – aber wir haben es geschafft! Montag Abend bin ich dann mit Inga und ihrem Besuch (Bruder mit Freundin) zusammen in die Oper gegangen. So oft wie ich schon auf dem Dach herumgelaufen bin, musste ich schließlich auch mal das Innere erleben. Das Stück „Elektra“ wurde zwar auf Deutsch gesungen, aber ich musste dennoch den norwegischen Text mitlesen, um etwas zu verstehen. Die Inszenierung war recht modern, dennoch hat es mir ganz gut gefallen, auch wenn es sicher nicht meine neue Leidenschaft wird! Dienstag Morgen habe ich dann Markus und Cordi in aller Früh noch einmal am Busbahnhof getroffen, um den beiden eine gute Reise zu wünschen und mich noch einmal anständig von einem sehr lieb gewonnen Freund zu verabschieden. Schon sehr traurig, aber jetzt habe ich Grund, endlich einmal nach München aufs Oktoberfest zu fahren! ;-) Danach war ich das letzte Mal in der Uni und habe mein Unterschriften-Buch abgegeben, jetzt muss ich „nur“ noch zur Prüfung erscheinen. Am Abend war ich zusammen mit Charlotte beim Irischen Abend von Ascalpella, dem Mediziner-Chor in dem Vegard mitsingt. Das Guiness war zwar ein wenig zu warm, aber dafür haben wir später am Abend noch zwei Bier ausgegeben bekommen, weil wir so schlau gewesen waren, uns mit der Barchefin des Mediziner-Clubs bekannt zu machen! ;-) An den beiden folgenden Tagen hatten Rosie und Charlotte jeweils ihre letzte Prüfung, so dass jetzt nur noch Inga und ich übrig sind, die lernen müssen. Am Donnerstag sind wir dann alle zusammen noch einmal zum Quiz ins Amatøren gegangen, dabei waren auch zwei Gäste von Charlotte aus Schottland. Freitag früh ging es dann für Inga und mich auf die lang ersehnte Gletscher-Wanderung nach Westnorwegen. Nachdem wir uns alle in Blindern versammelt hatten, Schuhwerk und Regenkleidnung ausgeteilt und wir auf die beiden Autos verteilt waren, ging es dann in einer 7-stündigen Fahrt nach Fjærland an einem Seitenarm des größten Fjords von Norwegen – dem Sognefjord.
Die Fahrt wurde etwas aufgelockert durch manchen Stopp an Bergseen mit seltsamen Steingebilden, wilden Gebirgsbächen, einer Stabkirche und einer Fährfahrt über den Fjord. Erstes längerer Stopp war dann in Sogndal, wo unser Guide „Outdoor-Activity“ studiert hatte... einen Studiengang, den es in Deutschland wohl nicht gibt. Nachdem wir uns ein wenig an den Fjord in die Sonne gesetzt und ich mir vorausschauend eine Sonnenbrille gekauft hatte ging es dann auch zu unserem Endziel nach Fjærland, wo wir in nette kleine Hütten mit Grasdach eingezogen sind. Letzte Unternehmung an dem Tag war dann die Fahrt zum nahe gelegenen Bøyabreen, dem sich am schnellsten bewegenden Gletscher in Norwegen (ganze 2 Meter pro Tag!). Leider machte er uns nicht den gefallen, ein Stück seines Eises vor unseren Augen abzuwerfen, aber dafür konnten wir aus der Ferne einmal kurz das bedrohliche Grollen des brechenden Eises hören.
Zum Schluss gab es selbstgemachte Lasagne von unserem Guide und dann sind wir alle erwartungsvoll zu Bett gegangen. Der nächste Tag begann dann mit einem Besuch im Gletscher-Museum von Fjærland, das nur 100 Meter von unseren Häuschen entfernt lag. Sehr überschaubar gehalten, war dieses Museum doch eines der besten von Norwegen, mit einem großen Panorama-Kino, in dem wir einen Film über den Jostedalsbreen angesehen haben. Der Jostedals-Gletscher ist der größte Gletscher auf dem europäischen Kontinent mit einer Unzahl Gletscherzungen, die sich in die Täler der Umgebung hinab bewegen. Nach diesem sehr pathetischen Film ging es dann durch einen Rundgang durch die Geschichte der Erden, der einen stark ans Phantasialand erinnerte, wenn man von Raum zu Raum gehen musste und der Boden anfing zu wackeln, man einen Urwald oder den eisigen Raum der letzten Eiszeit betrat – natürlich durfte auch der erhobene Zeigefinger am Ende nicht fehlen, der böse Mensch macht mit seiner Energieverschwendung eben alles kaputt – letzter Satz „Dieser Planet ist das einzige Zuhause, das wir haben!“. Auch der Rest des Museums war aufs „Knöpfe-drücken, Anfassen, Ausprobieren“ angelegt, aber leider hatten wir nur 20 Minuten dafür Zeit. Danach ging es ins „Zentrum“ von Fjærland zur Besichtigung eines alten Hotels, in dem die Gäste damals vor Bau der Straßen mindestens eine Woche bleiben mussten, weil das Schiff nur einmal die Woche den Fjord hinaufgefahren kam!
Auch haben wir gelernt, das Fjærland eines der „international-book-shop“-Städte ist, in dem in mehreren kleinen Holzhäusern alte Bücher verkauft werden. Man sieht, in diesen entlegenen Gebieten Norwegens spielt Lesen eben eine große Rolle! Nach dieser kleinen Sightseeing-Tour ging es dann auch zu unserer Wanderung. Am Fuße des Berges konnte man sich gar nicht vorstellen, dass es wirklich einen Weg bis hinauf zum Gipfel gibt, aber nach 3 Stunden Balance-Akte über rutschige Steine, schlammige Waldpfade und einer abschließenden Schneewanderung in Shorts kamen wir dann an der Gipfelhütte an. Dort wurde dann die Regenkleidung angezogen, nicht weil es geregnet hätte, sondern weil es dann auf dem Hosenboden zu einer Rutschpartie durch den Schnee ging, bis hin zur Moräne des nahe gelegenen Flatbre-Gletschers, von wo aus wir auf diesen hinabsehen konnten. Nach einer weiteren Rutschpartie wurden die Regenklamotten wieder abgelegt und es ging wieder hinab ins Tal.


Ein wenig müde in den Beinen haben wir am Abend dann noch hungrig den selbstgemachten Eintopf verspeist und sind alle früh ins Bett gefallen. Zum Abschluss der Tour stand am nächsten Tag dann die Gletscher-Wanderung an. Nachdem wir alles wieder zusammen gepackt hatten, ging es mit dem Auto ca. 1 ½ Stunden zum Nigardsbre. Zunächst mussten wir den davor liegenden See zu Fuß umrunden, bevor wir dann unsere Klettergurte und Schuh-Spikes anlegen mussten. Alle zusammen an ein Seil gegurtet ging es dann im Watschelgang der Reihe nach hinauf auf den Gletscher. Nach der Überquerung so mancher „kleinen“ Gletscherspalte hatten wir dann auch eine ansehnliche Höhe erreicht, und konnten vom Gletscherrücken aus das Tal überblicken. Dann ging es auch im Watschelgang wieder hinab und mit dem Auto zurück nach Oslo, wo wir gegen späten Abend angekommen sind. Heute morgen sitze ich auf meinem Bett, ein wenig Muskelkater in den Oberschenkeln und möchte gar nicht mehr mit dem Lernen anfangen. Aber bevor meine Schwester am Mittwoch Abend kommt (sie hat mich gerade angerufen und ihre Ankunft um einen Tag verschoben, weil Stockholm so schön sei) muss ich noch ein wenig was geschafft haben. Ich hoffe nur, dass ich dem Wetterbericht für die Woche genau so wenig trauen kann, wie dem für das vergangene Wochenende und die Sonne genauso schön scheint wie auf dem Fjord.

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